Cyfrowa Szkoła: Polnische Regierungsinitiative „Digitale Schule“ nutzt offene Lizenzen

Auf der Homepage von Creative Commons Polen finden sich seit kurzem neue Informationen in englischer Sprache über das im April diesen Jahres präsentierte Projekt „Cyfrowa Szkoła“ („Digitale Schule“, vgl. einen Bericht am Hyperland-Blog). Der vollständige Titel des Programms lautet „Regierungsprogramm zur Förderung der Kompetenzen von Schülern und Lehrkräften im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien.“ Die Bereitstellung von Lernmaterialien unter einer Creative-Commons-Lizenz ist deshalb auch nur ein Teil des Gesamtprojekts, das unter der Ägide des polnischen Bildungsministeriums umgesetzt wird.

Wie auch im D64-White-Paper zu digitaler Lehrmittelfreiheit vorgeschlagen, stehen am Beginn des Projekts Pilotversuche. Vorerst werden 380 Grundschulen mit zeitgemäßer IT-Infrastruktur ausgestattet, Lehrkräfte werden geschult und neue Unterrichtsmaterialien im Wert von 56 Mio. Złoty (ca. 13 Mio. Euro) werden erstellt. Ähnlich wie in Deutschland werden auch in Polen derzeit Schulbücher von kommerziellen Schulbuchverlagen erstellt und von öffentlicher Seite zertifiziert. Die Lehrkräfte dürfen in Polen dann aus der Liste zugelassener Lehrbücher wählen und die Eltern der SchülerInnen tragen die Kosten, wobei es Subventionen für Geringverdiende gibt.

Cyfrowa Szkoła sieht nun die Erstellung von drei verschiedenen Typen von offenen Lernmaterialien vor:

  • Elektronische Lehrbücher, die vom Bildungsministerium als solche zertifiziert werden
  • ergänzende Lehr- und Lernunterlagen, die auf der nationalen „Wissensdatebank für Lehrende“ (http://www.scholaris.pl/) zugänglich gemacht werden
  • Lehrvideos, erstellt durch den öffentlichen Fernsehsehnder  Telewizja Polska (TVP) und auf dessen Bildungsplattform bereitgestellt

Der überwiegende Anteil der vorgesehenen Mittel (45 Mio. Złoty) wird aber in die Erstellung elektronischer Lehrbücher fließen, die dem Beschluss zu Folge unter der sehr freien Creative Commons Namensnennungs-Lizenz oder einer ähnlich freien Lizenz stehen müssen. Hinzu kommt, dass die Verwendung offener Dateiformate sowie die barrierefreie Gestaltung diesbezüglicher Webangebote vorgeschrieben ist.

Die Erstellung der Lehrbücher sowie der ergänzenden Unterlagen erfolgt durch das Zentrum für die Entwicklung von Lernmaterialien (Ośrodek Rozwoju Edukacji – ORE), gemeinsam in Kooperation mit verschiedenen Dienstleistern. Die ersten Lehrbücher sollen im September 2013 zum Einsatz kommen können.

Interessant auch die Reaktion der polnischen Schulbuchverlage auf diesen Schritt. Sie kritisieren das Projekt als Gefahr für die Qualität der Schulbücher und haben dem Bericht von Creative Commons Polen zu Folge ORE-Ausschreibungen zur Erstellung offener Lernunterlagen boykottiert sowie Beschwerdebriefe an die EU-Kommission versandt. Auf ähnliche Reaktionen müsste man sich wahrscheinlich auch in Deutschland bei einem derartigen Projekt einstellen; leider sieht es zumindest derzeit aber noch nicht danach aus, als würde das deutsche Bildungsministerium ähnliche Akzente setzen wollen.

Über Leonhard Dobusch

Leonhard Dobusch ist Universitätsprofessor für BWL mit Schwerpunkt Organisation am Institut für Organisation und Lernen der Universität Innsbruck.

Er twittert als @leonidobusch, bloggt u.a. bei netzpolitik.org, privat als Leonido sowie gemeinsam mit anderen am englischsprachigen Forschungsblog governance across borders.

18. Juni 2012 von Leonhard Dobusch
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1 Kommentar

  1. Nur wenn die Kompetenzen der Schüler in diesem Bereich sinnvoll gefördert werden, ist davon auszugehen, dass das Netz auch für Bildungswerke wie der Recherche sinnvoll genutzt werden. Auch wenn viele Kinder bereits Facebook und Co. und Online Spiele kennen, lassen sich starke Reserven im Bildungsbereich ausmachen. Warum stellen die Schulen keine Lehrmaterialien oder Online Lehrfächer auf eine Homepage, um diesen Prozess weiter voranzutreiben?

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